RASSEGNA MIART 2019

21/04/2019 periodico magazines foglio sheet 1/1 pag. 61 W Körper buchstabierte (was Dior als Mo- denschaukulisse diente). Gezeigt wird dasGanze indemnoch jungenFMCen- tro per l’Arte Contemporanea. Das rie- sige ehemalige Kühlhaus gehört heute einer Immobiliengruppe (bis 26. Mai). Dient die Kunst damit der Aufwer- tung von Immobilien? Mag sein – aber in Italien, wo hochwertige zeitgenössi- sche Kunst und dann noch von Frauen kaum präsent ist, ist das eine neben- sächliche Frage. Das Prinzip „Privates Geld geht mit Kunst an großartige Or- te“ zieht sichdurchMailandwieTaglia- telle: Dank einer Initiative der Miart wurde im leer stehenden Palazzo Dug- nani,dessenTiepolo-Decke allein einen Besuch wert ist, Videokunst aus der deutschen Sammlung Wemhöner ge- zeigt. Auch wenn man sich wundert, dass ausgerechnet diese schwache Kol- lektion so ein Forum bekommt, staunt mandochgleichzeitig,wiedieBusiness- Stadt praktisch im Vorübergehen Räu- me in Schauräume verwandelt, wie es sonst nur an prekären Standorten ge- lingt. Berlin, Warschau, Istanbul – wo Experimentierflächen einst groß und billig genug waren, um kurzfristig von neuen Kunstmetropolen zu sprechen. I n Italien fließt das Geld von Mai- lands Traditionsunternehmen in Stiftungen, die dort Hand anlegen, wo der Staat seit Jahrzehnten versagt. NatürlichdenktmandabeianSteuerab- schreibungen und Seilschaften, die sich unter dem Deckmantel der Kultur vo- rantreiben lassen. Aber ist das immer so? Und was wäre die Alternative? Wo Gelder für Gegenwartskunst eingespart oder in einem Bürokratieapparat ver- senkt werden, ist jedes private Modell erst einmal ein Gewinn. Die Fondazione Marconi etwa geht auf die historische Galerie von Giorgio Marconi zurück. Sie fördert Wissen- schaft,BücherundAusstellungen–zur- zeitmitgroßartigerPop-Artdesverges- senen Malers Emilio Tadini (bis 28. Ju- ni). Welches Museum würde sie sonst zeigen? Auch die mächtige Galleria Continua aus San Gimignano hat eine Stiftung gegründet, die sich für Kunst M ailand kann sehr kalt sein und sehr nass. Als kürzlichdieMes- se Miart eröffne- te, schob sich ei- ne Horde schi- cker, aber völligdurchnässterGestalten durch die Veranstaltung. Da war es gut, dass die Stadt parallel ein Schutzdach aus hochkarätigen Ausstellungen aufge- spannt hatte – denn die Kunstmesse selbst wirkte trotz gestiegener Erwar- tung auch 2019 nicht ganz wasserdicht. Erstmals stellten zwar Powerseller wie Hauser & Wirth, Marian Goodman und Ropac in Mailand aus. Und einige Top-Galerien wie Bortolozzi, Clearing, Mai 36 und Cabinet hoben das Niveau an. Dennoch war die Qualität der Kunst nochnichtdortangekommen,wo sie für eine wichtige, europäische Messe sein sollte. Stattdessen viel teurer Dekor, ein bisschen wie in den Schaufenstern der Via Monte Napoleone. Die Miart ist da- mit für den internationalen Kunstkalen- der weiterhin noch keine entscheidende Veranstaltung, sie gewinnt aber an Be- deutung als gesellschaftliches Event ne- bendem fürdieDesignweltsobedeuten- denSalonedelMobile. Da die öffentliche Hand sich in Ita- lien kaum für zeitgenössische Kunst einsetzt, sind fast alle Ausstellungsorte privat finanziert. In Mailand zeigt die Fondazione Prada seit 26 Jahren, wie das auf Museumsformat geht – und vie- le Modefirmen tun es der Stiftung in- zwischen nach. Bei Prada haben gerade Lizzie Fitch und Ryan Trecartin eine aberwitzige Installation eröffnet, die fast das ganze Areal in Beschlag nimmt –eineAuftragsarbeit, fürdiedasKünst- lerduo drei Jahre lang in den Wäldern von Ohio lebte (bis 5. August) Die gewaltigen Industriehallen vom Hangar Bicocca, den das Unternehmen Pirellibetreibt,zählenseit2004zuMai- lands ersten Kunstadressen, obwohl sie etwas abgelegen am nördlichen Stadt- ring liegen. Gerade spielt Giorgio An- dreotta Calò dort seinen mystischen Minimalismus aus (bis 21. Juli). Und auch die Fondazione Nicola Trussardi hat Tradition in der Kunstförderung. Zwei alte Zollhäuser ließ sie temporär von dem ghanaischen Konzeptkünstler Ibrahim Mahama mit Jutesäcken ver- hängen, in denen ursprünglich Kohle, Kokos und Kakao aus Afrika exportiert wurde. Autos kreisten drum herum, Touris zückten die Smartphones. Die Stimmung war eindeutig besser als da- mals in Kassel, wo solche Säcke als Teil der ungeliebten Documenta ebenfalls die Torhäuser umhüllten. V iele spektakuläre Kunstorte sind auch neu in der Stadt. „The Un- expected Subject. 1978 Art and Feminism in Italy“ vereint Werke von über100Frauen,dieman indieserFülle nochniegesehenhat–mitArbeitenvon CarolRama,CarlaAccardiundKettyLa RoccasowieunbekannterenKünstlerin- nen wie Clemen Parrocchetti, die Kru- zifixe ausSchulterpolsternmitSpitzen- besatz nähte, oder Tomaso Binga, die sich einmännlichesPseudonym zulegte und das Alphabet mit ihrem nackten imöffentlichenRaumengagiert. InMai- landunterstützt sie eineSchau im alten Schwimmbad Palazzina dei Bagni Mis- teriosi in einer Art Public-private-Part- nership. Es kann einem schwindelig werden vor lauter Fondazioni. Dagegen hat Massimo De Carlo ein eindeutiges Geschäftsmodell: Seine Ga- lerie istkommerziellundneuerdingsdie schönste der Stadt, mit Sitz in der Bel- etage der Casa Corbellini-Wasserman – einem eleganten Wohnhaus aus den Dreißigern vom Architekten der be- rühmtenVillaNecchi.BödenundWände leuchten in rotem und grünem Marmor, dunkle Holzvertäfelungen erzählen vom mondänen Glanz Norditaliens, den Mai- land so gut in Szene zu setzen versteht. Nun läuft dort die Gruppenausstellung „MCMXXXIV“: Eine Mussolini-Büste von Paul Troubetzkoy trifft auf Josh Smiths kindlich-bunte Malerei, die äthe- rischen Marmorbildnisse Adolfo Wildts auf Felix Gonzalez-Torres’ Lichterkette (bis 13. Juli). Italienische Eleganz und Durcheinander in Reinform. Man muss sie aushalten,dieseWidersprüche. Nur privat läuft’s rund Ohne Unterstützung aus der Wirtschaft gäbe es in Italien kaum Kunst der Gegenwart zu sehen. Mailand macht jetzt vor, wie man sie in die prächtigsten Palazzi der Stadt bringt VONGESINE BORCHERDT Entdeckungen aus den Siebziger- jahren: Mailänder Pop-Art von Emilio Tadini (oben) und feministische Performancekunst von Renate Bertlmann COURTESYFONDAZIONEMARCONI,MILAN;COURTESYCOLLEZIONEDIONISIOGAVAGNIN,TREVISO WAMS_Dir/WAMS/WSBE-VP1 21.04.19/1/Kun1 KWISCHNE 5% 25% 50% 75% 95% Abgezeichnetvon: Artdirector Abgezeichnetvon: Textchef Abgezeichnetvon: Chefredaktion Abgezeichnetvon: Chef vom Dienst 61 21.04.19 21.APRIL2019 WSBE-VP1 BELICHTERFREIGABE: -Z IT: : BELICHTER: FARBE: WELT AM SONNTAG NR. 16 21./22. APRIL 2019 KUNSTMARKT 61 ANZEIGE E mil Nolde muss man heute wohlmit anderenAugen sehen. Dass der Maler mehr als ein Sympathisant der Nationalsozialisten gewesen ist, war schon lange bekannt. AberdieneuestenRecherchen füreine AusstellungderBerlinerNationalgale- rie beweisen nun: Nolde war Antise- mit. Nolde war nicht nur ein Partei- gänger der NSDAP, sondern beken- nender Nazi. Nolde war auch nach- dem seine Kunst als „entartet“ ge- brandmarktwurde,einglühenderHit- ler-Verehrer.UndNoldewarnachdem Untergang des NS-Regimes ein Meis- ter der Vertuschung und Verklärung, und er hatte willige Helfer, die ihn zum Paradekünstler der jungen Bun- desrepublik stilisierten. Wie steht esnunumEmilNolde im Kunstmarkt? Immerhin gehört er zu den deutschen Künstlern, deren Ge- mälde bei Versteigerungen höchste Preise erzielen. Kann man mit Noldes Werken noch handeln? VertreterderAuktionshäuser,die in den vergangenen Jahren und Jahr- zehnten gut mit Nolde verdient ha- ben, sagen: Ja, selbstverständlich, jetzt erst recht. Unisono erklären sie dieTrennungvonWerkundAutor,die in Kritikfällen gern beschworen wird. Und es stimmt, dass man Nolde seine künstlerische Qualität nicht abspre- chen kann. „Noldes Kunst repräsen- tiert den schönen Expressionismus“, sagt etwaMicaelaKapitzky vonGrise- bach in Berlin. „Seine Schriften und seine Äußerungen machen ihn zu ei- nem überzeugten Antisemiten, die Bilder nicht.“ Gleichwohl lobt sie die Nolde-Stiftung in Seebüll dafür, end- lich ihrArchivgeöffnetzuhaben.„Das war absolut fällig.“ Der Künstler sei mitderRecherchenunzueiner richtig deutschen Figur des 20. Jahrhunderts geworden, „mit all den Verdrängun- gen, die nach dem Zweiten Weltkrieg stattgefunden haben“. Diese Wider- sprüche müsse man nun aushalten. Auch Kilian von Seldeneck vom Auktionshaus Lempertz in Köln, Ber- linundBrüsselglaubt,dassdieKunst- geschichte den Stab nicht über Nolde brechen wird. Und der Handel ebenso wenig. „Wir werden Emil Nolde als Künstlerpersönlichkeit nicht von un- seren Auktionen ausschließen.“ Er bleibe ein bedeutender Maler des 20. Jahrhunderts, betont Seldeneck. „Sei- ne Werke sind keine Nazi-Devotiona- lien, auchnicht imLichtder aktuellen Ausstellung.“ Micaela Kapitzky sieht den Handel gleichfallsnicht inderVerantwortung. „Es ist Sache der Sammler zu ent- scheiden, ob sie Werke von Nolde kaufenwollen.WiesichdiePreiseent- wickeln, das wird sich zeigen, aber ka- tegorisch zu sagen,wirhandelnNolde nichtmehr,dashalte ich für falsch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Nolde vom Markt verschwindet.“ International konnte Emil Nolde bei Sammlern nie entscheidend reüs- sieren, auch wenn Christie’s mit 5,26 Millionen Dollar für „Indische Tänze- rin“seit2017denRekordhält.Beidem Londoner Auktionshaus gibt man sich schmallippig. Es sei zu früh, sich zu Nolde zu äußern, so eine Sprecherin. Das mag freilich auch daran liegen, dass man in den wichtigen New Yor- ker Auktionen mit Impressionismus undModerne (am 13.und 14.Mai)Bie- ter für zwei optimistisch siebenstellig taxierte Seestücke sucht. Ein Motiv, wieesBundeskanzlerinAngelaMerkel bekanntlich nicht mehr in ihrem Büro hängen haben will. Trotz dieser Geste von Merkel will anscheinend sonst kaum jemand Nol- de wirklich gehen lassen. Das spürt man auch in der akuten Debatte um einen Künstler, der noch heute beson- dersdernorddeutschenSeele lokalpa- triotisch schmeicheltundder fürviele einfach zum Kanon des nationalen Kunstgefühls gehört. Robert Ketterer vomMünchnerAuktionshausKetterer nimmtkeinBlattvordenMund:Es sei völlig richtig und notwendig, die of- fengelegten Quellen zu diskutieren unddieKunstgeschichteweiteraufzu- arbeiten. „DieHeftigkeit,mitder aber über das Schaffen von Nolde geurteilt werde,empfinde ich jedochalsschein- heilig, da die Tatsache der ideologi- schenGesinnung längstbekanntwar.“ Nur das Ausmaß seiner Verfehlungen sei noch nicht abzusehen gewesen. Für ihn sei Nolde eines der größten künstlerischen Talente des letzten Jahrhunderts. „Nun nach ‚blonden Haaren‘ auf seinen Bildern zu suchen ist nahezu lächerlich.“ Ob die Gemälde Emil Noldes „ethisch-moralisch belastet“ seien, sollte laut Ketterer jeder Kunstsamm- ler selbst für sich klären. Diese Ver- pflichtung,daseigeneGewissenzube- fragen, kann man freilich auch von je- dem Kunsthändler erwarten. Wie sich der Markt für Emil Nolde entwickelt, ist noch offen, der Handel aber hält an demMaler und Nazi fest „Nach blonden Haaren zu suchen ist lächerlich“ „Emil Noldes Kopf“ von Gustav Wolff in der Ausstellung „Nolde und der NS“ AP/MARKUSSCHREIBER VONMARCUSWOELLER

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